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 Matthäus Vorbereitung auf die Kreuzigung und Lehre der Jünger

Mat 19,1-12 Ehescheidung und Eheverzicht

Nun erfolgt ein Ortswechsel. Nachdem Jesus in Galiläa zuletzt hauptsächlich seine Jünger unterrichtet hat, geht er nun nach Judäa, wo er wieder mehr in die Öffentlichkeit kommt und mit verschiedenen Fragen und Situationen konfrontiert wird. Aber auch diese Situationen enthalten viel Lehre für die Jünger, denn am Ende jeder Situation gibt es immer Wortwechsel mit den Jüngern, die für diese überraschend ausgehen.

Mat 19,3 Was war die Absicht der Pharisäer mit ihrer Frage zu Ehescheidung?

Die erste dieser Situationen ist die Frage der Pharisäer nach der Ehescheidung. In der damaligen Zeit gab es zwei große Strömungen mit widerstreitenden Meinungen unter den Rabbinern. Auf der einen Seite stand Hillel mit seiner Schule, der die Entlassung einer Frau bei nahezu jedem Grund für akzeptabel hielt. Gegenüber dieser liberalen Sicht stand Schammai mit seiner Schule, der nur einen Grund für die Entlassung einer Frau akzeptieren wollte: wenn diese Ehebruch begangen hatte.

Welches Ziel die Pharisäer vor diesem Hintergrund genau hatten, bleibt unklar. Jedenfalls war ihre Motivation nicht, dass sie ihre Erkenntnis verbessern wollen, wie sie nach Gottes Willen leben können, sondern sie wollten Jesus versuchen, d. h. auf die Probe stellen. Sie sind ja schon des Öfteren mit Jesus in Konflikt geraten und sind weiterhin auf der Suche nach Dingen, die sie Jesus vorwerfen können. Das kommt auch später noch mehrmals vor (Mat 22,15 / Mat 22,34-35).

Was steht im AT-Gesetz über Ehescheidung?

Weil Gott die erste Frau aus der Rippe des Mannes gemacht und sie zu ihm gebracht hat, darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen und sie werden ein Fleisch werden (1Mo 2,22-24).

In 5Mo 24,1-4 wird der Scheidebrief erwähnt, aber nicht in definierender Form, d. h. unter welchen Umständen seine Anwendung erlaubt ist, sondern es wird nur geregelt, was zu tun ist, wenn der Scheidebrief gegeben wurde, weil der Mann "etwas Anstößiges" an der Frau gefunden hat. Was das sein kann, wird nicht näher festgelegt. Das Ziel des Abschnitts ist es nicht die Umstände des Scheidbriefs festzulegen, sondern nur zu bestimmen, dass eine zum zweiten Mal geschiedene Frau nicht wieder zu ihrem ersten Mann zurückkehren darf.

Der Scheidebrief wird sonst nur noch im übertragenen Sinn erwähnt, in der Weise, dass Gott seiner Ehefrau Israel den Scheidbrief gegeben hat, und zwar wegen Verbrechen (Jes 50,1) und wegen "Ehebruch", d. h. Götzendienst Israels (Jer 3,8). Die erwähnte Erlaubnis Moses, unter bestimmten Umständen die Frau zu entlassen, geht also nicht vom Gesetz Gottes aus, sondern war eine abseits davon getroffene Regelung von Mose. Jesus erklärt, dass es ein Zugeständnis von Mose wegen der menschlichen Unfähigkeit ist und von Gott unter bestimmten Umständen geduldet wird, aber nicht seiner Absicht entspricht.

Eheliche Untreue und Ehescheidung ist Unrecht in Gottes Sicht, wie er durch den Propheten Maleachi deutlich macht (Mal 2,13-16).

Mat 19,4-9 Jesu Lehre über Ehe und Ehescheidung

Obwohl die Eheschließung im Einzelfall von Menschen ausgeht, gilt sie als von Gott zusammengefügt (Mat 19-5-6). Daher hat der Mensch kein Recht mehr zur Scheidung. Ehescheidung ist also in jedem Fall gegen Gottes Willen und Wiederheirat nach Scheidung ist Ehebruch. Der einzige erlaubte Scheidungsgrund ist Hurerei, d. h. wenn der Ehepartner fremd geht. Aber im AT stand darauf ohnehin die Todesstrafe (3Mo 18,20+26-29). Damit war der unschuldige Ehepartner verwitwet. Für Verwitwete ist Wiederheirat möglich (Röm 7,2-3). Das ist wahrscheinlich der Grund, warum die Einschränkung "außer wegen Hurerei" in der Parallelstelle Mrk 10, l1 fehlt.

Schon in der Bergpredigt hat Jesus seine Lehre zur Ehescheidung vorgestellt (Mat 5,31-32), genau wie hier. Dort geht er sogar noch einen Schritt weiter und wertet das begehrliche Ansehen einer Frau wie einen im Herzen begangenen Ehebruch (Mat 5,27-28).

Mat 19,10-12 Die Reaktion der Jünger und Jesu Lehre über die "Verschnittenen"

Die Reaktion der Jünger zeigt, wie revolutionär die Lehre Jesu zur Ehe war. Einerseits wurde Ehescheidung recht häufig und einfach vollzogen. Andererseits war man der Auffassung, dass der Mensch zur Ehe bestimmt ist. Das absolute Verbot der Ehescheidung bei gleichzeitiger Ehepflicht empfanden die Jünger als unzumutbar.

Jesus macht in seiner Antwort deutlich, dass Ehe nicht unbedingt notwendig ist und dass es in der Tat Gründe gibt, nicht zu heiraten.

Jesus beantwortet den Einwand der Jünger anders formuliert folgendermaßen: "Ob ihr mit der Ehe und dem Verbot der Scheidung Probleme habt, hängt von jedem selbst ab: Wenn ihr für die Ehe geeignet seid, dann ist das Verbot der Ehescheidung kein Problem für euch. Wenn ihr aber nicht für die Ehe geeignet seid, dann heiratet besser nicht. "

Jeder muss sich also vor dem Heiraten die Frage stellen und beantworten, ob er für die Ehe geeignet ist, oder aus einem der von Jesus genannten Gründe nicht heiraten sollte.

Um richtig zu beurteilen, welche Gründe für Ehelosigkeit Jesus meint, muss geklärt werden, was das Wort "verschnitten" (die meisten grundtextnahen Übersetzungen), "Eunuchen" (Übernahme des griechischen Worts, d. h. quasi nicht übersetzt: Zürcher, Vulgata und etliche englische, französische, italienische, spanische Übersetzungen) oder "zur Ehe unfähig" (kommunikative Übersetzungen) bedeutet. Folgende griechische Wörter kommen hier vor:

Beide sind verwandt mit eunouchia = Ehelosigkeit, das hier nicht vorkommt.

Der Artikel zum Stichwort "Verschnittener" in Fritz Rienecker (Hrsg.): "Lexikon zur Bibel", R. Brockhaus Verlag Wuppertal: "An den orient. Fürstenhöfen wurden V., d. h. auf verschiedene Weise (vgl. 5Mo 23,2) zeugungsunfähig gemachte Männer, als Haremswächter (Est 2,3+14 / Est 4,5), vielfach aber auch für andere Hofämter verwendet. Damit unterlag das urspr. eindeutige hebr. Wort saris, das LÜ mit »Kämmerer« wiedergibt, einer Bedeutungserweiterung, so dass nicht an sämtlichen Stellen, an denen es in der Bibel vorkommt, wirklich V. gemeint sein müssen. Die Gerichtsdrohung in 2Kg 20,17-18; Jes 39,7 (LÜ: Kämmerer) schließt aber sicher die körperliche Verstümmelung mit ein. In Israel war das Verschneiden sowohl bei Menschen wie Tieren verboten, kein V. durfte in der Gemeinde des Herrn Aufnahme finden (3Mo 22,24 / 5Mo 23,2). Entmannung schloss vom Priesterdienst aus (3Mo 21,20 LÜ: beschädigt; vgl. RevEB, ZÜ). Für die Heilszeit Gottes aber gilt, dass der Herr auch den V. annimmt (Jes56,3-5; vgl. Jer38,7ff; 39,15-18); von daher erhält die Taufe des Kämmerers (griech. eunouchos) der Kandake (Apg8,27-39) besondere Bedeutung. In Mt19,12 wird verschnitten (eunouchos; LÜ: zur Ehe unfähig) für angeborene Missbildung, spätere Verstümmelung und schließlich freiwillige Ehelosigkeit aus der Kraft Gottes heraus (vgl. 1Kor7,7.25-40) gebraucht. "

Jesus nennt folgende Gründe für Ehelosigkeit:

Die Frage ist, ob Jesus hier die wörtliche (d. h. körperliche) oder übertragene Bedeutung meint. Bei der Entscheidung sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

Daher kommt die wörtliche Bedeutung wohl weniger in Frage. Die drei Personengruppen, die nicht heiraten, kann man dann so verstehen:

Es fällt auf, dass der Grund, den die Jünger dafür anführen, nicht zu heiraten, in der Liste der Gründe, die Jesus nennt, nicht vorkommt. Die Jünger halten es nämlich für problematisch, dass man nach Gottes Willen aus der Ehe nicht mehr herauskommt, wenn es in der Ehe Schwierigkeiten gibt miteinander auszukommen. Dies ist aber nach der Lehre Jesu weder ein Grund nicht zu heiraten, noch die Ehe zu scheiden.


© Copyright 2020 Roland Hofmann

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Generiert am 01.06.2020 17:58:25