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 Matthäus Letzte Tage bei und in Jerusalem

Mat 21,12-16 Erste Taten Jesu im Tempel

Reihenfolge der Ereignisse

Die ersten Ereignisse nach Jesu Einzug in Jerusalem werden von den Evangelien in unterschiedlicher Reihenfolge berichtet:

Mat 21,12-27

Mrk 11,11-33

Luk 19,45 - 20,8

Bei Johannes wird von diesen Ereignissen nur der Einzug in Jerusalem erwähnt (Joh 12,12-16). Eine Tempelreinigung erwähnt er nur bei einem sehr frühen Besuch in Jerusalem (Joh 2,13-22).

Die genaue zeitliche Reihenfolge hat wahrscheinlich Markus, der die meisten Details nennt, während Matthäus die Verfluchung des Feigenbaums und die damit zusammenhängende Belehrung der Jünger am folgenden Tag offensichtlich zu einem einzigen Ereignis zusammenfasst. Markus macht auch genauere Zeitangaben: "Und als er umhergeblickt hatte, ging er, da es schon spät war, nach Betanien" (Mrk 11,11); "... am folgenden Tag ..." (Mrk 11,12). Matthäus hingegen leitet die Ereignisse meist mit "Und ..." oder "Morgens früh ..." ein, was nicht unbedingt eine zeitliche Reihenfolge darstellt.

Mat 21,12-13 Tempelreinigung: Jesus vertreibt die Händler

Im Tempel wurden Opfertiere verkauft (z. B. Tauben: 3Mo 1,2+14 / 3Mo 5,5-7 / 3Mo 14,19-22 / 3Mo 15,13-15). Für freiwillige Gaben und die Tempelsteuer musste Geld gewechselt werden, weil der Tempel seine eigene Währung hatte. Beim Wechseln wurde auch Gewinn gemacht.

Gegen das Verkaufen von Opfertieren und anderen Dingen, die weit gereiste Pilger benötigten, ist nichts einzuwenden (5Mo 14,22-26). Nur muss das nicht im Tempelbezirk stattfinden.

Jesus verhält sich im Tempel wie der Hausherr. Dies ist die einzige Situation, von der berichtet wird, dass Jesus gewalttätig geworden ist. Das zeigt wie wichtig ihm die Heiligung des Hauses Gottes ist. Dies fiel bei der früheren Tempelreinigung auch den Jüngern besonders auf (Joh 2,17). Jesus zitiert Jes 56,6-7, wo beachtlicherweise der Tempel ein Bethaus sogar für alle Völker, d. h. auch die Nichtjuden, genannt wird. Auch das Wort von der Räuberhöhle ist ein Zitat, und zwar aus Jer 7,11. In den Versen davor verurteilt Gott die Unmoral des Volkes (stehlen, morden, Ehebruch, falsch schwören, Götzendienst), während es gleichzeitig den Gottesdienst im Tempel ausübt. Das passt nicht zusammen (Jer 7,1-11). Wenn die moralische Integrität fehlt, ist Gottesdienst wertlos (Hos 6,6 / Jak 1,26-27).

Die Tatsache, dass Jesus das Zitat von der Räuberhöhle bringt, lässt darauf schließen, dass der Kaufhausbetrieb im Tempel Ausdruck mangelnden Respekts vor Gott und von Sünde war, insbesondere wohl von Habgier. Möglicherweise kann man daraus schließen, dass die Preise für Geldwechsel und Opfertiere überhöht waren und deshalb als Beraubung derjenigen angesehen werden konnten, die auf die verkauften Waren angewiesen waren.

Mat 21,14-16 Jesus begegnet Zuspruch und Kritik im Tempel

Nachdem Jesus die durch ungerechten Gewinn wohlhabenden Leute vertrieben hatte, kamen diejenigen zu ihm, die sich die verkauften Waren nicht leisten konnten und aufgrund ihrer Behinderungen als von Gott gestraft und ausgeschlossen galten. Diese gesellschaftlich Benachteiligten nimmt Jesus an und erweist ihnen Barmherzigkeit. Er heilt sie und ermöglicht ihnen dadurch wieder die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und Gottesdienst und den Erwerb ihres Lebensunterhalts. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat auch Sündenvergebung oder Befreiung von Schuldgefühlen stattgefunden (vgl. Mat 9,5-8 / Joh 9,1-3). Dies ist das letzte Mal, dass Matthäus von Heilungswundern berichtet.

Während solche offensichtlichen Zeichen des Messias (Jes 35,4-6) früher noch Beobachter zur Verherrlichung Gottes führten (Mat 9,6-8 / Mat 15,30-31), wird diese Wirkung nun nur noch bei Kindern erzielt, die ihre unvoreingenommene Begeisterung lauthals durch Nennung des Messiastitels "Sohn Davids" zum Ausdruck bringen (vgl. Mat 21,9). Sie waren offenbar gut unterrichtet, was die zukünftige Hoffnung Israels angeht. Vielleicht haben sie nicht voll verstanden, was das bedeutet, aber indem Jesus Psalm 8,3 zitiert, macht er klar, dass Gott sie dazu bewegt hat.

Die ungläubigen religiösen Führer halten das für unangemessen und fordern Jesus auf, den Kindern ihren Irrtum zu erklären und sie damit zum Schweigen zu bringen (vgl. Luk 19,37-40). Aber Jesus tut das Gegenteil: Er wirft diesen Theologen vor, die Heilige Schrift nicht richtig gelesen zu haben und weist darauf hin, dass sich durch das Verhalten der Kinder eine messianische Prophezeiung in Psm 8,3 erfüllt. Dort beziehen sich die Worte aus dem Mund der Kinder und Säuglinge sogar auf den Gottesnamen Jahwe (in vielen Übersetzungen mit HERR wiedergegeben). Indem Jesus diese Aussage aus dem Psalm auf sich bezieht, akzeptiert er nicht nur die ihm entgegengebrachte Verehrung als Messias, sondern setzt sich sogar mit Gott gleich.

Matthäus zitiert Psm 8,3 nach der Septuaginta. Dort steht: "... hast du dir Lob bereitet ...". So steht es auch in der Vulgata. Der hebräische Text hat hier ein Wort das Macht, Stärke, Festung, Bollwerk bedeutet. Aber auch das kommt in Psm 8,3 aus dem Mund der Kinder, kann also nur im übertragenen Sinn gemeint sein. Entsprechend unterscheiden sich die verschiedenen Übersetzungen in Psm 8,3. Manche haben die hebräische Originalbedeutung, andere "Lob". Manche kommunikativen Übersetzungen verbinden beides.

Möglicherweise musste Jesus dann schnell den Ort verlassen, sonst hätten ihn die religiösen Führer vielleicht gleich gelyncht (Mat 21,17). Am nächsten Tag dann gehen diese allerdings besonnener vor und verhören ihn erst einmal (Mat 21,23). Denn sie dürfen unter der römischen Regierung offiziell keine Todesstrafen vollstrecken (Joh 18,31 / Mat 26,3-5).

Wiederholt wird in diesem Abschnitt also die Frage thematisiert wer Jesus ist. Diese Frage muss auch heute jeder Leser des Evangeliums für sich beantworten und die Konsequenzen daraus ziehen.

Die Verachteten und Geringen erkennen Jesus als Messias, aber die theologisch Gebildeten und Geachteten lehnen ihn ab. Dies wiederholt sich offenbar immer wieder und entspricht auch später den Erfahrungen, wie Paulus in 1Ko 1,18-31 ausführlich darstellt.


© Copyright 2020 Roland Hofmann

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Generiert am 01.06.2020 17:58:25